In diesem Keller finden alte Bücher neue Liebhaber...
Büchersammler sind Süchtige. Sie suchen akribisch nach einem bestimmten Exemplar oder Autor, nach einer vollständigen Serie oder bibliophilen Sonderausgabe. Aber wo finden sie das? Zum Beispiel in einem gut sortierten Antiquariat. Wir haben eins mitten in Hamburg besucht - HeineBuch.
Von Alexandra zu Knyphausen
Wer hier genau hinguckt, dem passiert es. Der verliert sich in diesem Keller voller Schätze, also muß man Zeit mitbringen. Schöne alte Bücher, so weit das Auge reicht: 16 laufende Meter Geschichte, jeweils sieben Borde, gut zwei Meter hoch; 10 Meter Geisteswissenschaften, 14 Meter Literatur, sieben Meter Hamburg-Themen und drei Meter Antike.
Hier liegen sie, die 15 000 Kostbarkeiten des HeineBuch-Antiquariats. Hier werden sie geliebt, gepflegt und verkauft. Eine Fundgrube für Sammler: Leder-Folianten, die schon vor 200 Jahren gelesen wurden; edle Prägungen, die zum Betasten einladen; Goldschnitte, in denen man sich spiegeln kann. Bücher, Hefte, Skurriles und Wissenschaftliches.
Und viel Erschwingliches. Denn hier gibt es nicht nur uralte, alte und jüngere Bücher, sie sind auch aus - mindestens - zweiter Hand. "Viele denken, Antiquariate führen nur ganz alte und selten gelesene Bücher", sagt Kerstin Kaden, der HeineBuch seit 2003 gehört. "Falsch: Es sind oft Bücher, die gar nicht mehr hergestellt werden." Das macht sie für Sammler wertvoll.
97 Prozent aller Bücher sind nur noch second-hand zu bekommen. So wurde eine signierte Erstausgabe von Harry Potter in England schon mal 35 000 Pfund teuer. "Im Prinzip", weiß HeineBuch-Händlerin Angelika Lemke aber, "kostet ein Buch antiquarisch nur zwei Drittel vom Neupreis." Ideal für Studenten. Sie kaufen hier gerne, weil das Antiquariat wissenschaftlich so gut sortiert ist. Auch die Universität selber ist Kunde und Firmen, die Mitarbeitern zum Abschied ein wertvolles Buch schenken.
Das älteste Buch, das hier steht, ist eine Bibel in Luther-Übersetzung von 1670. Vorsichtig anfassen! Sofort spürt man, warum Sammlerherzen dabei höher schlagen: ein imposanter Foliant in Rot-Schwarz, "etwas berieben und beschabt" beschrieben, für den der Drucker einst "deutliche und gantz neu gegossene Schriften angeschaffet . . . dass auch die Aeltesten darinnen ohne Brillen wohl lesen mögen".
Überhaupt erfreut in Antiquariaten oft der Pragmatismus früherer Generationen. Political correctness? Gab's noch nicht. Bei den Titeln wurde nichts verwässert: "Jenseits von Klug und Blöde" heißt etwa eine Schrift zu Psychiatrie und Psychoanalyse von 1922; ein Buch von 1948 fordert unverschnörkelt: "Es muß alles anders werden".
Gebrauchstitel laufen immer ganz gut. Aber nicht jedes Thema ist an jeden Käufer zu bringen, Sammler sind da ziemlich festgelegt. "Literatur schaffen wir eigentlich nur an, wenn wir wissen: Das nimmt uns jemand ab. Das Geld bringt jedenfalls der Stammkunde, der gezielt kauft." Rund 100 dieser Sonderkunden werden besonders gepflegt, etwa indem HeineBuch sie frühzeitig über Neuzugänge informiert.
Bücher-Sammler. Neun von zehn sind Männer. Viele kaufen bestimmte Autoren. Oder nach bestimmten Aspekten. Ein Kieler Sammlerpaar mit den Namen Hermann und Dorothea bekam 1952 zur Verlobung ein Exemplar von Goethes Vers-Epos "Hermann und Dorothea". Das war das erste Buch ihrer Bibliothek mit heute mehr als 850 verschiedenen Ausgaben des Werkes!
Ausleihen reicht Sammlern nicht - Besitz verführt sie. "Und der Vervollständigungszwang", sagt Angelika Lemke aus 30jähriger Erfahrung. Dieser Sammler-Drang sucht im Antiquariat Bestärkung, auch psychologische Betreuung. Manche zittern, wenn sie das Objekt ihrer Sehnsucht entdecken. Manche sammeln sich in den Ruin. "Antiquarische Bücher kaufen ist eine schöne Sucht", sagt Kerstin Kaden, "aber wahrscheinlich so teuer wie Kokain." Dabei lesen Sammler ihre Bücher gar nicht immer. Sie wollen sie nur haben.
Manche mordeten sogar für Bücher. Gustave Flaubert beschreibt das in seiner Geschichte "Der Büchernarr", die auf einer realen Mordserie um 1830 basiert. "Jeder Mensch muß eines Tages sterben, aber gute Bücher müssen bewahrt werden." Diesen Satz antwortet Flauberts Büchersammler, der zum Mörder wurde, auf die Frage, ob er seine Tat bereue.
Und vielleicht traf er damit den Nagel genau auf den Kopf.
Hamburger Abendblatt, 30. Oktober 2004
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